Der Fall aus der Praxis
heute: Wissen ist Macht
Früher hat Stahel seine Backgroundinformationen auf Karteikarten gesammelt. Kleine, blau linierte Kärtchen mit zuoberst einer einzigen rosa Linie für die Rubrik Namen, Vornamen und einer Lochung für die Reiter, mit denen er sie nach anderen Kriterien als den alphabetischen ordnen konnte. Zum Beispiel Grün für alle Golfer oder Gelb für alle Rotarier oder Blau für alle höheren Offiziere oder Braun für alle Hundebesitzer oder Rot für alle Banker. Oder Pink für alle, von denen er eine kleine Indiskretion kannte.
Die Kärtchen lagen in einem abschließbaren Karteikistchen, das er in seiner persönlichen Schublade aufbewahrte.
Das war praktisch. Bevor er jemanden anrief, nahm er dessen Kärtchen und legte es neben das Telefon. So konnte er die Sekretärin mit Namen begrüßen und sich nach der Hausstaubmilbenallergie der Ehefrau seines Gesprächspartners erkundigen, bevor er zur Sache kam.
Oder er fand auf Anhieb die Golf spielenden Banker, von denen er ein schmutziges Geheimnis kannte, falls er einmal so einen brauchte.
Und es passierte ihm auch nie, dass er bei einer Bewirtung einen mit schlechten Tischmanieren gegenüber einen mit sehr guten setzte.
Stahel hätte wahrscheinlich bis zu seinem Ruhestand mit seinem Karteikartensystem gearbeitet, wenn er nicht auf dieses Risk-Management-Symposium gegangen wäre. Dort ist er nämlich der Einzige ohne Handheld. In den Pausen tauschen alle ihre Daten über Infrarotverbindungen zwischen ihren Westentaschencomputern aus, nur er hantiert noch umständlich mit Visitenkärtchen und notiert sich umständlich Adressen in seine Taschenagenda.
Dieses Erlebnis führt dazu, dass er sich mit sechsundfünfzig auch noch so ein Ding anschafft. Die nächsten sechs Wochen verbringt er seine Überstunden und einen großen Teil seiner Arbeitszeit damit, die Graffitischrift zu lernen und seine Kartei mit allen Backgroundinformationen in sein Handheld zu übertragen.
Schon am Tag, als er seine letzte Datei eingegeben hat, sieht er von weitem Oppler, einen seiner drei wichtigsten Kunden. Er ruft diskret Opplers Namen ab und checkt den Vornamen von dessen Frau. Dann geht er auf ihn zu und begrüßt ihn freundschaftlich. Bei dieser Begegnung überträgt Stahel erstmals seine elektronische Visitenkarte via Infrarotverbindung.
Etwas muss er dabei falsch gemacht haben. Auf Opplers Display landen statt Stahels Daten die von Oppler selber. Und unter Verschiedenes steht: "Vorsicht, frisst wie eine Sau."

